Panzergraben, Bunker, Minenfelder: So rüstet Europa gegen Russland auf

Die Krise zwischen Russland und dem Westen spitzt sich zu: Sprengstoff-Drohnen am Flughafen in Leipzig, Hackerangriffe auf Spitäler und Sabotageakte auf Unterseekabel. Hunderte solcher Vorfälle hat es seit dem Beginn des Ukrainekriegs in europäischen Ländern gegeben. In letzter Zeit immer mehr. Und der Verdacht fällt stets auf Russland. «Ist das schon der dritte Weltkrieg?», fragt die «New York Times».

Doch der russische Schattenkrieg dürfte erst der Anfang sein: Dass Putin früher oder später Europa und die Nato angreifen könnte, halten westliche Geheimdienste mittlerweile für ein realistisches Szenario. Putin rüstet militärisch massiv auf und baut neue Militäranlagen für Atomwaffen an der Grenze zur Nato. Laut Geheimdiensten soll Russland ab 2029 bereit sein für einen «grossen Krieg», insbesondere weil Putin immer mehr Waffen produziert und Europa mit dessen Produktion nicht Schritt hält.

Das setzt Europa unter Druck. Sind der Kontinent und das Militärbündnis Nato bereit für einen Krieg?

Die Ostflanke der Nato ist etwa 5000 Kilometer lang. Sie erstreckt sich vom Polarkreis bis ans Schwarze Meer und an die Türkei. Auf einer Länge von rund 3000 Kilometern grenzt das Nato-Gebiet direkt an Russland und seinen befreundeten Partner Belarus. Satellitenbilder zeigen, wie die betroffenen Nato-Länder gegen eine russische Invasion aufrüsten. Die teilweise kilometerlangen Befestigungen sind aus dem All gut zu erkennen.

Norwegen teilt mit Russland eine Grenze von knapp 200 Kilometern in der unwirtlichen Tundra mit Wintertemperaturen von unter –40 Grad Celsius. Da erwarten Militärexperten keinen grossen russischen Angriff. Allerdings: Nur einige wenige 100 Kilometer östlich der Grenze ist ein Grossteil des russischen Atomwaffenarsenals stationiert – darunter neben Raketen auch Atom-U-Boote. Eirik Kristoffersen, der Oberbefehlshaber der norwegischen Streitkräfte, sagt: «Wir schliessen eine Invasion Russlands als Teil des Plans zum Schutz ihrer eigenen nuklearen Fähigkeiten nicht aus.»

Auch deshalb hat Norwegen die Überwachung seiner Grenze aufgestockt und wird dies weiter tun: Entlang der meistgefährdeten Abschnitte bei Skafferhullet und Storskog baut das Land höhere und bessere Zäune, die mit Kameras und Drohnen geschützt werden. Auch die Truppen für den Grenzschutz wurden aufgestockt.

Bedroht ist auch Finnland – und zwar auf einer mehr als 1300 Kilometer langen Grenze. Bis Ende dieses Jahres will Finnland die meistexponierten Abschnitte mit einem Zaun sichern – auf insgesamt 200 Kilometern. Der Zaun ist mehr als 3 Meter hoch sowie mit Wärmebildkameras, Bodenradarsystemen und akustischen Sensoren ausgerüstet. In erster Linie schloss Finnland die Grenze, weil immer wieder illegale Migrantinnen und Migranten aus Russland nach Finnland eingereist waren.

Soldat der finnischen Grenzschutz-Spezialeinheit am NATO-Aussengrenzübergang Vaalimaa an der russisch-finnischen Grenze mit Stacheldrahtzaun und Russland-Schild

Hightech gegen Russland: Die Grenze im finnischen Valimaa ist mit einem Zaun und Stacheldraht gesichert.

Foto: Getty Images

Doch auch eine militärische Bedrohung ist real. Finnlands Präsident Alexander Stubb sagte zwar kürzlich, er glaube nicht, dass Russland jemals das mächtigste Militärbündnis der Welt angreifen wolle. In einem parlamentarischen Bericht zur nationalen Sicherheitslage heisst es jedoch: «Die militärische Bedrohung, die von Russland für Finnland ausgeht, wird höchstwahrscheinlich zunehmen, sobald der Krieg in der Ukraine endet oder die Intensität des Konflikts anderweitig nachlässt.» Allerdings schützt auch die Natur das Land, so gibt es laut Militärbeobachtern kaum Abschnitte an der Grenze, die sich für einen russischen Panzerangriff eignen.

Gut vorbereitet ist das Land jedenfalls: Schon heute hat Finnland eine der grössten und schlagkräftigsten Armeen Europas. Inklusive Reservisten beträgt die Truppenstärke fast eine Million. Und die Ausgaben sollen nochmals steigen: Im Jahr 2029 soll Finnland bereits 14 Milliarden Euro für die Verteidigung ausgeben, gegenüber heute eine Verdoppelung.

Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen teilen mit Russland und Belarus eine Grenze von 1700 Kilometern. Etliche Militärbeobachter sehen einen Angriff von Putins Truppen auf einen baltischen Staat als derzeit wahrscheinlichstes Szenario.

Ende August reiste der Chef des US-Geheimdiensts, John Ratcliffe, nach Moskau. Gemäss US-Medienberichten soll er Russland davor gewarnt haben, Nato-Staaten anzugreifen. Und zwar insbesondere Estland, Lettland und Litauen. Ratcliffe traf unter anderen den Direktor des russischen Auslandsgeheimdiensts.

Der Suwalki-Korridor ist die Schwachstelle in der Verteidigung gegen Russland

Mit der baltischen Verteidigungslinie wollen Estland, Lettland und Litauen verhindern, dass Putin überhaupt an einen Einmarsch denkt. Das gemeinsame Projekt der drei Länder sieht Drachenzähne als Panzersperren sowie Panzergräben, Bunker, militärische Depots und Minenfelder vor. Teil der Verteidigung sind auch natürliche Grenzen wie Flüsse oder Moore, die für schwere Militärfahrzeuge kaum passierbar sind. Anders als der Name suggeriert, ist die baltische Verteidigungslinie aber nicht durchgehend – sondern soll besonders zugängliche und flache Abschnitte abdecken.

Estland plant bis Ende 2027 den Bau von 600 Bunkern. An der Grenze zu Russland sollen zudem 40 Kilometer Panzergraben ausgehoben werden. Zu den speziell gesicherten Abschnitten gehören beispielsweise Grenzübergänge sowie deren nahe Umgebung, wie dieses Satellitenbild von der Freundschaftsbrücke zeigt, die vom estnischen Narwa ins russische Iwangorod führt. Die Brücke ist mit Drachenzähnen versperrt.

Auch in Lettland läuft der Bau der Verteidigungsanlagen auf Hochtouren. Satellitenbilder von Planet Labs zeigen kilometerlange Befestigungen bei der Stadt Kepowa an der Grenze zu Belarus. Sie stammen aus dem Jahr 2025. 

Am stärksten exponiert ist wegen seiner geografischen Lage Litauen. Es grenzt an die russische Exklave Kaliningrad und ist nur über einen schmalen Korridor (Suwalki-Korridor) mit dem übrigen Nato-Gebiet verbunden. Viele Militärbeobachter glauben, dass ein russischer Angriff an dieser Schwachstelle erfolgen könnte.

Polen teilt mit Russland eine Grenze von mehr als 230 Kilometern. Sie verläuft entlang der russischen Exklave Kaliningrad. Geschützt wird die Grenze ähnlich wie in den baltischen Staaten: An den verwundbaren Abschnitten gibt es Panzergräben. Zur Verteidigungslinie «Ostschild» gehören auch Drachenzähne, Minenfelder sowie (tiefer im Land) Artilleriestellungen.

Nach einer russisch-belarussischen Militärübung im Jahr 2025 schloss Polen die Grenze zu Belarus komplett. Die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad ist ebenfalls in Teilen geschlossen.

Betonbarrieren und Stacheldraht am geschlossenen Grenzübergang Warschauer Brücke zwischen Polen und Belarus nach Schliessen der Grenze am 11. September 2025.

Die Grenze in der Nähe von Warschau ist verbarrikadiert: Seit 2025 sind die Grenzübergänge zwischen Polen und Belarus geschlossen.

Foto: Imago

Wie gross die Angst vor den Russen ist, zeigen insbesondere die gestiegenen Investitionen ins Militär. Alle Länder an der Nato-Ostflanke geben heute viel mehr Geld aus für die Verteidigung als noch vor ein paar Jahren. Besonders gross ist die Zunahme bei Polen – gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP): mit einer Verdoppelung seit 2020. Alle Staaten an der Ostflanke liegen damit über dem 2-Prozent-Ziel der Nato.

Und auch die Nato selber investiert in ihre Verteidigungsfähigkeiten. In den kommenden fünf Jahren will das Militärbündnis mehr als 40 Milliarden US-Dollar für eine Drohnenabwehr gegen Russland ausgeben. Die Nato-Verantwortlichen betonten wiederholt, dass sie «jeden Zentimeter» Nato-Territoriums verteidigen werden.

Keine grosse Hilfe im Kampf gegen Putins Aggression wäre die Schweiz, die kein Nato-Mitglied ist. Die Ausgaben für die Verteidigung betragen gemäss dem Stockholm International Peace Research Institute seit 2003 stets weniger als 1 Prozent des BIP. Gemessen an ihrer Wirtschaftskraft geben nur gerade zwei Dutzend Länder weniger für das Militär aus als die Schweiz – darunter Costa Rica und Panama, die gar keine Armee haben.

Wenn Putin die Nato angreift, wird auch die Schweizer Armee reagieren

Und wie würde die Schweiz bei einem russischen Angriff auf Europa reagieren?

«Ein neutraler Staat kann keine Kriegspartei militärisch unterstützen», sagt Ursina Bentele, Kommunikationschefin beim Staatssekretariat für Sicherheitspolitik Sepos. Allerdings sagt sie auch: Sollte Putin einen Nato-Staat angreifen, sei davon auszugehen, «dass die Schweiz Massnahmen prüfen würde, um etwa die Bereitschaft der Armee und Schutzmassnahmen zu erhöhen».

Ein Verweis auf die Neutralität würde der Schweiz bei einem Angriff Putins allerdings kaum etwas bringen, wie der renommierte Militäranalyst Franz-Stefan Gady jüngst in der NZZ erklärte. Kleine Länder könnten sich heute nicht mehr allein verteidigen, das Neutralitätsbekenntnis wäre daher «kaum glaubwürdig». Die Schweiz sei bei Waffensystemen und Aufklärungsdaten vom Ausland abhängig. Ohne Kooperation funktioniere die Luftverteidigung nicht. Europäische Nato-Staaten hätten daher laut Gady «einen grossen Hebel», um Druck auf die Schweiz auszuüben. Und er sagt auch: «Die Neutralität ist mit dem ersten Schuss hinfällig.»

Putins Russland gegen die Nato und Europa

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  • Quelle: tagesanzeiger.ch unter https://www.tagesanzeiger.ch/nato-ostflanke-wie-europa-sich-gegen-russland-ruestet-625288529666