«Wir und der Krieg»

Zürich, 16.04.2026 — Rede von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider anlässlich der Vernissage der Ausstellung «Wir und der Krieg» im Nationalmuseum in Zürich. Es gilt das gesprochene Wort.

«Wir und der Krieg» – dieses Thema lässt aufhorchen. Wir sind schliesslich in der Schweiz! Hort von Frieden und Stabilität – spätestens seit 1848 und der Gründung des modernen Bundesstaats… Und doch beschreibt diese Ausstellung – leider – eine Realität. Eine Realität, der wir uns nicht einfach entziehen können. Auch wenn die Schweiz nicht im Krieg steht, manifestiert sich der Krieg doch in allen Bereichen unseres Lebens: in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, in Kunst und Kultur, in unseren Familien.

Viele von uns glaubten, Europa habe die Kriege überwunden. Ja, das nach dem Zweiten Weltkrieg unter grosser Anstrengung vereinigte Europa garantiere für ewigen Frieden. Diese Überzeugung war in der Schweiz besonders ausgeprägt, da wir in der Mitte dieses befriedeten Kontinents lebten. Eines Kontinentes, der nach Jahrhunderten des Blutvergiessens aus seiner Geschichte gelernt hatte. Eines Kontinentes der, wie es François Mitterrand einmal sagte, den Mut hatte, eine strahlendere Zukunft zu wagen, eine Zukunft, gegründet auf der Versöhnung und dem Frieden.

Vielleicht fragen Sie sich: Warum müssen wir uns überhaupt mit dem grauenhaften Thema «Krieg» befassen? Die Antwort ist: Gerade, weil es so grauenhaft ist. Nur wer den Krieg in seiner ganzen zerstörerischen Wirkung versteht, wird sich mit der notwendigen Entschlossenheit für den Frieden einsetzen. Auch deshalb betrachtete die Philosophin Simone Weil die Sicherung des Friedens in Europa als oberste Aufgabe und Verantwortung der europäischen Politik – «le bien le plus précieux pour garantir la démocratie». Dieses Engagement ist heute dringlicher als je zuvor. Der Krieg ist auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt mit dem illegalen russischen Angriff auf die Ukraine, der nun schon über 1500 Tage dauert.

Jenseits der Grenzen Europas ist die Realität ebenso grimmig: Im Iran herrscht ein fragiler Waffenstillstand. Israel bombardiert weiter den Libanon. Hinzu kommen Konflikte, die bei uns kaum Schlagzeilen machen, von Myanmar über den Kongo bis zum Sudan. Es verdichtet sich der Eindruck, dass Krieg heute wieder als legitim betrachtet wird. Legitim zur Durchsetzung von Interessen. Legitim zur Erreichung von politischen Zielen.

Krieg betrifft nie nur «die anderen»

Diese Ausstellung «Wir und der Krieg» fordert uns heraus. Sie zeigt, dass die Gegenüberstellung einer friedlichen Schweiz und einer kriegerischen Welt zu kurz greift. Krieg betrifft nie nur «die anderen». Er betrifft immer auch uns selber. Unsere Werte. Unser Zusammenleben. Unsere Freiheit. Unsere Wirtschaft. Unser Geschichtsverständnis. Und damit unsere Identität. Diese Ausstellung führt uns zu einer unbequemen Erkenntnis: Der Krieg ist kein Randphänomen unserer Geschichte. Er ist eines ihrer prägenden Elemente.

Kriege hatten auch in der neutralen Schweiz tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen. Denken wir nur an den Söldnerdienst, also an die wichtigste Exportindustrie der Alten Eidgenossenschaft. Denken wir an die sozialen Spannungen, die sich im Ersten Weltkrieg aufgebaut hatten und sich im Landesstreik von 1918 entluden. Der Erste Weltkrieg bedeutete auch eine politische und kulturelle Zerreissprobe für die Schweiz. Carl Spitteler, der spätere Nobelpreisträger für Literatur, warnte in seiner Rede Unser Schweizer Standpunkt vor der Gefahr, dass unser Land entlang den Sprachgrenzen auseinanderdriften könnte, weil sich die Romandie mit Frankreich, aber vor allem die Deutschschweiz allzu sehr mit Deutschland identifizierte.

Viele der brisanten Themen von damals beschäftigen uns auch heute noch: Von den wirtschaftlichen Verflechtungen mit kriegführenden Staaten über die Bedeutung der Neutralität bis hin zur Flüchtlingspolitik. Denken wir etwa an die Folgen des Ukraine-Kriegs, die auch wir in der Schweiz spüren: An die Geflüchteten, die die Schweiz aufgenommen hat, wobei das Parlament die Regionen, aus denen Flüchtlinge den Schutzstatus S erhalten können, bereits eingeschränkt hat. Denken wir aber auch an die kriegsbedingten Gewinne der Rohstoffhändler in Genf, Zug und anderswo, deren Steuern unsere öffentlichen Finanzen stützen. Die stark globalisierte Schweiz ist stets tangiert durch die Verwerfungen moderner Kriege. Der Mythos des Verschontbleibens, diese urhelvetische Erfahrung, trägt nicht mehr.

Frauen und Krieg

Wer von Krieg spricht, darf eines nie vergessen: Kriege betreffen nicht alle Menschen gleich. Frauen tragen oft eine besonders schwere Last: als Opfer von Gewalt, als Verantwortliche für Familien in zerstörten Gesellschaften, und zugleich als zentrale Akteurinnen beim Wiederaufbau. Der Bericht des UN-Generalsekretärs von 2025 zur Agenda «Frauen, Frieden und Sicherheit» warnt, dass heute über 650 Millionen Frauen in einem Umkreis von 50 Kilometern zu tödlichen Konflikten leben. Die zivilen Opfer unter Frauen und Kindern haben sich im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Jahren vervierfacht. Gleichzeitig ist konfliktbezogene sexuelle Gewalt innerhalb von zwei Jahren um 87 Prozent gestiegen.

Die UNO-Resolution 1325, die sich für die Teilhabe von Frauen an der Konfliktprävention, der Konfliktlösung und am Wiederaufbau einsetzt und sie vor sexualisierter Gewalt schützen sollte – sie wirkt heute wie ein bitterer Kontrast zur Realität. Vielerorts ist davon wenig geblieben: Gewalt gegen Frauen und andere besonders verletzliche Gruppen hat sich in vielen Konflikten als gezielte Kriegswaffe etabliert.

Simone de Beauvoir hat die stets lauernde Gefahr des Rückschritts so formuliert: «N'oubliez jamais qu'il suffira d'une crise politique, économique ou religieuse pour que les droits des femmes soient remis en question. Ces droits ne sont jamais acquis. Vous devrez rester vigilantes votre vie durant.» Umso wichtiger ist unser Engagement. Denn die Geschichte zeigt: Friedensprozesse sind nachhaltiger, wenn Frauen daran beteiligt sind. Und ganz unter uns: Weibliche Staatschefs neigen auch weniger dazu, anderen Staaten den Krieg zu erklären.

Frieden ist kein Zustand, der einfach eintritt. Frieden bedeutet Arbeit, jeden Tag. Leise, beharrlich. Oft unspektakulär. Die Schweiz setzt sich für Frieden ein, indem sie die multilaterale Ordnung zu stärken versucht. Deshalb engagiert sich die Schweiz in internationalen Organisationen: bei den Vereinten Nationen, im Europarat und bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, deren Vorsitz die Schweiz in diesem Jahr innehat. Wir bringen uns ein in Verhandlungen, vermitteln zwischen Konfliktparteien und fördern den Dialog. Andere Staaten tun dies auch, was wir nur begrüssen können. Je stärker und breiter das Engagement für den Frieden, desto besser. Auch unsere Entwicklungszusammenarbeit ist immer auch Friedenspolitik. Armut, Perspektivlosigkeit und Ungleichheit sind Nährboden für Konflikte. Wer Frieden will, muss diese Ursachen angehen. Denn Frieden beginnt nicht erst, wenn Waffen schweigen. Frieden beginnt dort, wo Menschen gehört werden. Wo Rechte gelten. Wo Lebenschancen entstehen.

Se confronter au passé pour éviter que l’histoire ne se répète

La réflexion proposée par le Musée national sur notre rapport à la guerre apparaît aujourd’hui essentielle, à l’heure où les crises et les conflits se multiplient, s’étirent dans le temps. Assurément, il vaut la peine de se confronter à un passé parfois encore douloureux, mais qui est le nôtre et que nous devons aborder avec honnêteté et lucidité. L’oubli étant profondément humain, le risque de voir l’histoire se répéter est réel. Le travail de mémoire est un processus constant, qui se nourrit et se construit sans cesse. Et c’est une démarche exigeante, passionnante et vitale pour honorer la mémoire des victimes et transmettre aux nouvelles générations des valeurs humanistes et citoyennes.

Alors oui, la guerre fait partie de notre présent, de notre histoire. Pouvoir continuer à vivre en paix nous confère une responsabilité particulière sur le plan international, et en particulier dans les instances et institutions multilatérales. Notre neutralité ne nous dispense pas de participer à l'histoire du monde – aux histoires du monde. Elle ne nous donne pas le droit de l’indifférence ou du repli sur soi et encore moins de nous soustraire à nos responsabilités. Bien au contraire. Notre neutralité nous confère un devoir d'agir et de contribuer partout où nous le pouvons, à préserver, à promouvoir, à construire et à garantir la paix.





  • Quelle: edi.admin.ch unter https://www.edi.admin.ch/de/newnsb/z1HW36Y6EpyGtiHdmOaVm