Habermas steht für ein Denken, das die Moderne als konsequentes Weiterführen einer nicht vollendeten Aufklärung versteht. Am Samstag ist der deutsche Philosoph und Soziologe 96-jährig gestorben.
Stefan Müller-Doohm14.03.2026, 15.03 Uhr
Jürgen Habermas gehört zum erlesenen Kreis von Philosophen, die als Weltautoren gelten dürfen. Besonders aussergewöhnlich ist, dass er diesen Ehrentitel bereits zu Lebzeiten erworben hat. Worauf ist diese Ausnahmestellung zurückzuführen? Sie erklärt sich aus der Formulierungskraft seiner Essays, ihrer den Stundenschlag treffenden Stichworte zum Zeitgeschehen, aber mehr noch hat der herausragende Status seinen Grund darin, dass sein Denken von einer Idée fixe in Bewegung gehalten wird: der Idee der vernünftigen Freiheit und der öffentlichen Vernunft.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
In seinem zuletzt erschienenen zweibändigen Alterswerk «Auch eine Geschichte der Philosophie» hat er diese Idee historiografisch ausbuchstabiert: Er begründet ein ambitioniertes Konzept von Vernunft, das mit der Gewissheit bricht, dass die Erkenntnisbedingungen apriorisch, also erfahrungsunabhängig gegeben sind. Für Habermas ist Vernunft, die er vom Himmel auf die Erde holt, in der erlebten historischen Zeit und im erfahrbaren sozialen Raum situiert.
Als solche wird sie als nachmetaphysische definiert. Es ist eine Vernunft, die sprachlicher Natur ist und kommunikativ erzeugt wird. Sie bewährt sich im Prozess ihrer praktischen Erprobung. Als intersubjektive Praxis operiert die nachmetaphysische Vernunft im Raum der Gründe – Gründe, die sich im umfassenden Horizont der Lebenswelt vorfinden und im lebensweltlichen Kontext argumentativ entwickeln lassen.
Rheinischer Witz, feine Ironie
Mein eigenes Bild von Jürgen Habermas begann Konturen anzunehmen, als ich ihn im Sommer 1964 als gerade berufenen, jungen Professor für Philosophie und Soziologie an der Frankfurter Universität erlebte. Die Wiederbesetzung des vakanten Lehrstuhls von Max Horkheimer trug dazu bei, dass der virulente Lehrermangel an der sogenannten Frankfurter Schule abgemildert wurde. Doch mit dem neuen Hochschullehrer machte sich spürbar ein anderer Ton breit.
Sowohl das Anspruchsniveau etwa in Form des Lektürepensums als auch die Verbindlichkeiten im Hinblick auf die mündliche Beteiligung und die schriftlichen Leistungen wuchsen erkennbar an. Deshalb war das Diskussionsklima zwar angespannt, durchaus auch einschüchternd, aber dem stand die Offenheit für Wortmeldungen gegenüber. Habermas hatte die in Frankfurt nicht eben seltene Gewohnheit, sich sprachlich komplex auszudrücken, agierte jedoch ohne die professorale Attitüde.
Zugleich waren die Intensität seiner Intellektualität ebenso wie die als progressiv-unorthodox vermutete politische Haltung im Raum geradezu mit Händen greifbar. Diese starke geistige Präsenz bewirkte, dass die Studierenden es sich selbst nicht einfach machen mochten. Sie wurden herausgefordert, mit Ehrgeiz argumentativ mitzuhalten. So hat Habermas Generationen von Studentinnen und Studenten geprägt.
Begründete Rede
Als anspruchsvolles Verfahren der Begründung hat Habermas die Diskursethik entwickelt. Diskurse nennt er ein Verfahren, um gute Gründe zu prüfen. Sie ist eine Praxis des Argumentierens, bei der sich die Teilnehmer zwanglos und aufrichtig äussern, Öffentlichkeit besteht und Gleichberechtigung gilt. Der häufig vorgebrachte Vorwurf, dieses Modell einer idealen Sprechsituation sei weltfremd, konterte Habermas zum einen mit der Richtigstellung, das Ideal habe den Stellenwert einer kontrafaktischen Unterstellung. Diese diente ihm als Kontrastfolie, die dazu verhilft, Formen systematisch verzerrter Kommunikation zu erkennen.
Zum anderen war Habermas als durchaus realistischer Konflikttheoretiker weit davon entfernt, die akademische Form des Seminars als Vorbild dafür zu empfehlen, wie Interessengegensätze geschlichtet werden können. Diskurse sind, wie er zu sagen pflegte, «Inseln im Meer der Praxis». Aber der kommunikative Gebrauch der Vernunft bietet – unter den Bedingungen der Freiheit – prinzipiell die Möglichkeit einvernehmlicher Verständigung im aufeinander bezogenen Handeln.
Die Philosophie von Jürgen Habermas zielt auf eine vernünftig praktizierte Freiheit, die an Prinzipien gebunden ist. Diese rechtlichen Regeln und moralischen Grundsätze sind anerkannt, weil die Adressaten der Normen diese selbst gesetzt haben. Deshalb können sie immer wieder hinsichtlich ihrer Geltung geprüft und im Lichte neuer Erfahrungen und Erkenntnisse revidiert werden.
Lernen, nicht belehren
Der Massstab dieser selbstreflexiv gewordenen Vernunft, die sich in Geschichte, Kultur und Gesellschaft symbolisch verkörpert, resultiert aus der gegenseitigen Perspektivenübernahme aller Betroffenen. Das ehrgeizige Projekt von Habermas, wider die Auffassung einer ausschliesslich instrumentellen Rationalität, Spuren einer kommunikativen Vernunft freizulegen, die in den alltäglichen Praktiken zwischenmenschlicher Verständigung wurzeln, hat eine weltweite Resonanz erzeugt.
Es ist ein Zeichen für die Aufgeschlossenheit gegenüber unterschiedlichen Wissenschaftskulturen, dass Habermas im Lauf seines Lebens immer wieder Reisen in verschiedene Länder unternahm, um dort an Universitäten, Akademien und Kulturinstituten Vorträge zu halten – vor allem aber, um sich Diskussionen zu stellen. In den Dankesreden, von denen er viele gehalten hat, gab es eine wiederkehrende Redewendung: Er sei nicht gekommen, um zu belehren, sondern um zu lernen.
Das war mehr als die freundliche Geste eines philosophischen Weltstars. Jürgen Habermas' Lernbereitschaft kam gerade auch darin zum Ausdruck, dass er auf Kritiken umgehend in Form von Repliken reagierte und sich selbst im Gedankenexperiment möglichen Einwänden stellte, die gegen seine Deutungen und Thesen vorgebracht werden könnten.
Eine öffentliche Aufgabe
Sein Weltruhm, der sich in zahlreichen internationalen Auszeichnungen niederschlägt, darunter der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, gründet zum einen auf über sechzig Buchveröffentlichungen, die in über vierzig Sprachen übersetzt und Gegenstand eines über nationale Grenzen hinausgehenden Diskurses sind. Zum anderen engagierte sich Habermas jahrzehntelang als öffentlicher Intellektueller. Er zögerte nie, sich in internationalen Medien zu brisanten politischen Ereignissen und krisenhaften Entwicklungen zu Wort zu melden.
Dieser transnationale Diskussionszusammenhang im Spannungsfeld von praktischer Philosophie und Politik war das Spiegelbild einer weltweiten Wirkungsgeschichte. Die Kritik von Habermas an neoliberalen Tendenzen der Wirtschaftspolitik, seine Analysen der stagnierenden Europapolitik bis in die jüngste Zeit, seine Rechts-, Moral- und Demokratietheorie, seine Beiträge zur Religionsphilosophie waren ein fester Bestandteil disziplinübergreifender Kontroversen innerhalb der «scientific community» – und sie werden verpflichtend bleiben als Beitrag eines Philosophen, der seine Aufgabe nicht nur als eine akademische, sondern als eine öffentliche, politische verstanden hat.
In Deutschland war nicht zuletzt seine Verteidigung einer öffentlich bekundeten Kultur der Erinnerung an den Zivilisationsbruch und die deutsche Schuld für die moralische Erneuerung dieses Landes mentalitätsprägend. Ob das auch für seine Kritik an der liberalen Eugenik gilt, muss sich noch zeigen. In der DDR war Habermas von offizieller Seite als Reformist denunziert worden. Dennoch war seine Diagnose über Legitimationskrisen im Spätkapitalismus auch dort Gegenstand fachlicher Kontroversen.
Beharren auf den Menschenrechten
In der angelsächsischen Welt, vor allem in den USA, suchten führende Vertreterinnen und Vertreter der Geistes- und Sozialwissenschaften den Dialog mit Habermas, unter ihnen John Rawls, Richard Rorty, Amy Allen, Seyla Benhabib. Auch in den Universitäten Europas und der politischen Öffentlichkeit dieser Länder haben sich bedeutende Intellektuelle wie Jacques Derrida, Anthony Giddens, Michel Foucault zum Teil äusserst kritisch mit dem Konzept kommunikativer Vernunft auseinandergesetzt.
Die Anerkennung, die Habermas beispielsweise in Japan geniesst, hat die Auszeichnung mit dem renommierten Kyoto-Preis vor Augen geführt. In Spanien und Lateinamerika, aber etwa auch in Südkorea, stossen seine Zeitdiagnosen sowie seine theoretischen Deutungen von Rechtsstaat und Demokratie auf grosse Beachtung. In Indien und in China haben sein Beharren auf der Nichthintergehbarkeit von Menschenrechten und seine Thesen zum Völkerrecht Aufsehen erregt, nicht selten zum Unmut der politischen Eliten.
Das Buch, das weltweit zum Bestseller wurde und heute zum Kanon der Kultur- und Medientheorie gehört, ist der 1962 erstmals publizierte «Strukturwandel der Öffentlichkeit». In dieser Studie, die ihre Fortsetzung in dem drei Jahrzehnte später erschienenen rechtsphilosophischen und demokratietheoretischen Werk «Faktizität und Geltung» fand, analysiert Habermas Öffentlichkeit als Ort politischer Meinungs- und Willensbildung.
Die Essenz seiner Überlegungen ist und kommt zur Schlussfolgerung: Damit sich die rationalitätsfördernde Kraft politischer Auseinandersetzungen freisetzen kann, muss Öffentlichkeit als ein Raum für Partizipation und Deliberation etabliert sein. Er kann dann von einzelnen Handlungsakteuren, aber gerade auch von Bürgerinitiativen, sozialen Bewegungen und Protestgruppierungen belebt werden, um – vermittelt über die Medien der Massenkommunikation – Druck auf das politische System auszuüben.
In den vergangenen Jahren bezog sich Habermas' Zeitdiagnose einerseits auf den befürchteten Zerfall der politisch fungierenden Öffentlichkeit in der Folge des Siegeszugs sozialer Netzwerke. Mit ihnen, so mahnte Habermas, dringen ungeprüft private Meinungen in die «Grauzone der digitalen Öffentlichkeit» ein – ohne den Filter der Deliberation. Habermas sah darin die Gefahr wachsen, dass die «sozialintegrative Kraft einer von den Leitmedien zusammengehaltenen demokratischen Öffentlichkeit untergraben» wird.
Solidarität lässt sich nicht erzwingen
Andererseits galt die Stossrichtung seiner Gesellschaftskritik den destruktiven Kräften einer eindimensional vorangetriebenen Modernisierung. Stein des Anstosses waren die Krisentendenzen, die den kapitalistischen Markt- und Konkurrenzverhältnissen innewohnen. Wenn ihnen nicht mit den regulativen Mitteln demokratisch legitimierter Steuerungspolitiken entgegengewirkt werde, so befürchtete Habermas, sei zu befürchten, dass zugleich mit anwachsenden ökonomischen und sozialen Ungleichheiten die Haltung der Solidarität immer mehr schwinde zugunsten einer egozentrischen Nutzenorientierung.
Die Brisanz dieser Position besteht darin, dass sich Solidarität, wie Habermas nüchtern konstatiert, weder mittels Geld kaufen noch durch Macht erzwingen lässt. Zwar ist die öffentliche Selbstgesetzgebung im demokratischen Verfassungsstaat rechtlich garantiert, aber autonome Entscheidungen, die zugleich gemeinwohlorientiert sind, bedürfen einer Alltagskultur, die die Einsicht in die moralischen Verpflichtungen von jedermann befördert.
Ein weiterer Aspekt der Gegenwartsanalyse betrifft die Rolle der Weltreligionen im (post-)säkularen Zeitalter. Habermas, der von sich selber sagte, er sei «religiös unmusikalisch», hoffte dennoch, dass mit dem religiösen Ethos und den damit einhergehenden moralischen Einstellungen auch politische Tugenden gefördert werden, die sich in Handlungsbereitschaft, Solidarität und Empathie umsetzen. Tugenden des Guten, die im Rechtsstaat «nur in kleiner Münze ‹erhoben› werden».
Das, was fehlt
Religion vermag sowohl ein Bewusstsein von den vergangenen und gegenwärtigen Leidenserfahrungen eines ethisch verfehlten Lebens wachzuhalten als auch ein «Bewusstsein von dem, was fehlt». Das sind im Kern jene Defizite, die aus dem Überlegenheitsgebaren von Szientismus und Naturalismus resultieren. Es sind freilich Defizite, von denen wir etwas wissen: dank jener, wie Habermas sagt, normativ imprägnierten «Beschreibung und Selbstbeschreibung von ‹entstellten› Lebensverhältnissen, die elementare Interessen verletzen».
Stefan Müller-Doohm ist emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Oldenburg. Bei Suhrkamp ist 2014 sein Buch «Jürgen Habermas. Eine Biografie» erschienen, 2019 sein zusammen mit Luca Corchia und William Outhwaite herausgegebener Band «Habermas global. Wirkungsgeschichte eines Werks».