Auf dem Terminmarkt laufen auffällige Ölgeschäfte – 15 Minuten bevor Donald Trump einen Iran-Post absetzt
Unbekannte wetten im grossen Stil auf fallende Ölpreise. Weil der US-Präsident kurz darauf bekanntgibt, er sehe von weiteren Iran-Angriffen ab, profitieren sie vom anschliessenden Preissturz. Der Fall ist keine Ausnahme.

Am Montag kommt es an den Terminbörsen zu einer Reihe auffälliger Deals. Tausende Kontrakte für Rohöl wechseln den Besitzer. Die unbekannten Investoren setzen mit ihren Deals im grossen Stil darauf, dass die Ölpreise bald sinken werden. An diesem Morgen handeln sie insgesamt 6200 Verträge für die Lieferung von Öl – ein Betrag von etwa 580 Millionen Dollar. Das ist deutlich mehr als sonst um diese Zeit, wie die «Financial Times» in einer Analyse schreibt.
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In Washington ist es 6.49 Uhr, als die auffälligen Deals beginnen. Nur gerade 15 Minuten später setzt US-Präsident Donald Trump auf seinem Netzwerk Truth Social einen Post ab, der die Öl- und Aktienmärkte innert Sekunden in Aufruhr versetzt. Um 7.04 Uhr schreibt er, es habe in den vergangenen Tagen «produktive» Gespräche mit Iran gegeben. Und er verkündet, die Energieinfrastruktur des Landes vorerst doch nicht zu bombardieren. Weil sich damit die aufgeheizte Lage entspannt, bricht der Ölpreis ein – und jemand wird «sehr viel reicher», wie ein Trader den bemerkenswerten Morgen in Washington zusammenfasst.
Kein Einzelfall
Die auffällig geschickt getimten Ölgeschäfte vom Montag sind kein Einzelfall, wenn es um Wetten auf Krieg und politische Entscheidungen geht. Schon seit Monaten sorgen ähnliche Wetten bei Experten und Händlern für Stirnrunzeln.
Abgeschlossen werden sie insbesondere auf sogenannten Prognoseplattformen wie Polymarket. Dort können Nutzer mit Krypto‑Währungen zum Beispiel darauf wetten, ob die USA bis zu einem bestimmten Stichtag ein Land angreifen oder einen bestimmten ausländischen Staatschef stürzen. In mehreren Fällen haben Unbekannte kurz vor tatsächlichen Militäreinsätzen hohe Summen gesetzt und Hunderttausende Dollar verdient – etwa im Zusammenhang mit der US‑Operation gegen Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und den jüngsten Luftschlägen gegen Iran.
Analysen verschiedener Medien haben inzwischen gezeigt: Einige der für diese Wetten genutzten Konten wurden erst kurz vor den Militäreinsätzen eröffnet. Ihre Besitzer setzten ihr Krypto‑Geld danach fast ausschliesslich auf den Zeitpunkt, zu dem US‑Angriffe begannen. Manche Experten werten das als Indiz dafür, dass hinter den Einsätzen Personen mit sehr gutem Zugang zu Regierungsinformationen stehen könnten – belegt ist das bisher allerdings nicht.
Die Muster sind inzwischen so auffällig, dass in Washington mehrere Abgeordnete strengere Regeln für solche Plattformen fordern. Demokratische Senatoren und Mitglieder des Repräsentantenhauses wollen unter anderem Bundesangestellten und Regierungsmitgliedern verbieten, auf Kriegsereignisse zu wetten, und drängen die Aufsichtsbehörden, Prognosemärkte wie Polymarket strenger zu überwachen.
Kein eindeutiger Fall
Der bemerkenswerte Öl-Trade vom Montag ist laut Fachleuten allerdings nicht ganz so eindeutig, wie es auf den ersten Blick wirkt. Die Ölpreise waren in den vergangenen Wochen bereits stark gestiegen. In einem solchen Umfeld kann ein grosser Verkauf von Terminkontrakten auch schlicht bedeuten, dass etwa ein grosser Investor Gewinne mitnimmt oder seine Risiken reduziert – ohne dass Insiderinformationen im Spiel sind.
Ein Derivateexperte betont gegenüber der «Financial Times», dass es sich zwar um ein für diese Uhrzeit ungewöhnlich hohes Volumen handelte. Doch an den Ölmärkten werden jeden Tag enorme Mengen des Rohstoffs gekauft und verkauft. Die kurz vor Trumps Botschaft auf Truth Social gehandelte Menge habe jedenfalls nicht eine Grössenordnung, die zuvor noch nie zu beobachten war, so der Experte weiter.
Ob hinter den Geschäften vom Montag tatsächlich Insiderwissen steckt oder nur ein glückliches Timing, lässt sich derzeit also nicht sagen. Allerdings zeigen zahlreiche Fälle, dass Politiker und ihr Umfeld immer wieder Informationsvorsprünge besitzen, die sich an den Finanzmärkten in Renditen niederschlagen.
Lukrative Deals von Nancy Pelosi
Das betrifft längst nicht nur Republikaner aus dem Umfeld von Trump. Nancy Pelosi, die prominente Demokratin und frühere Vorsitzende des Repräsentantenhauses, war mit ihren Handelsgeschäften besonders erfolgreich. Das Depot ihrer Familie erzielte über Jahre deutlich höhere Renditen als der breite US‑Aktienmarkt – etwas, das selbst erfahrenen Anlegern nur selten gelingt.
Inzwischen haben findige Anbieter Börsenfonds aufgelegt, die sofort in jene Aktien investieren, die auch einflussreiche Abgeordnete kaufen: Kleinanleger können so gewissermassen vom Informationsvorsprung der US-Politiker profitieren. Die Nachbildung von Pelosis Investment trägt das Börsenkürzel NANC, eine Anspielung auf ihren Vornamen. Pelosi selber lehnte es jahrelang ab, die Handelsaktivitäten von Kongressmitgliedern einzuschränken.
Bei Trump und seinem Umfeld gibt es allerdings eine auffällige Häufung solcher Fälle – und generell eine auffällige Bereitschaft, politischen Einfluss mit privaten Finanzgeschäften zu vermischen. Schon 2022 sorgte Trumps Schwiegersohn Jared Kushner für Kritik, als dessen neu gegründete Beteiligungsgesellschaft Affinity Partners rund 2 Milliarden Dollar vom saudischen Staatsfonds erhielt – trotz interner Bedenken in der Fondsverwaltung zur Qualität von Kushners Anlageidee.
Später machte Trump seine politische Marke selbst zum Finanzprodukt: Kurz vor seiner Vereidigung im Januar 2025 lancierte er den Meme‑Token «$TRUMP», eine spekulative Krypto‑Münze ohne eigentlichen Nutzen, deren Kurs vor allem von der Stimmung seiner Anhänger lebt. Deren Preis ist inzwischen weit von den einstigen Höchstständen entfernt.
Salopper Umgang mit ethischen Prinzipien
Trumps salopper Umgang mit Insidergeschäften machte auch innerhalb seines Regierungsapparates Schule. Kurz bevor er Anfang April 2025 seine umfassenden Zölle verkündete, verkauften mehr als ein Dutzend hochrangige Mitglieder seiner Administration sowie ranghohe Kongressmitarbeiter umfangreiche Aktienpakete – und blieben so vom anschliessenden Kurssturz zumindest teilweise verschont.
Auch wenn sich beim 580‑Millionen‑Trade vom Montag derzeit nicht nachweisen lässt, ob jemand mit Insiderwissen handelte, fügt sich der Fall in ein grösseres Muster ein. In Washington nutzen Politiker beider Parteien immer wieder ihren Informationsvorsprung für eigene Finanzgeschäfte – und im Umfeld von Trump verschwimmt die Grenze zwischen politischer Macht und privatem Profit besonders stark.
- Quelle: NZZ News – aktuelle Nachrichten, Hintergründe, Kommentare unter https://www.nzz.ch/wirtschaft/auf-dem-terminmarkt-laufen-auffaellige-oelgeschaefte-15-minuten-bevor-donald-trump-einen-iran-post-absetzt-ld.1930705